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RECHTSEXTREMISMUS: Unterrichtsfach Zivilcourage
Oranienburger Torhorstschule setzt auf intensive Aufklärung
ORANIENBURG - Es war der 21. August 1941, als sich das Leben von Maria K. schlagartig änderte. An jenem Tag musste die Sowjetbürgerin deutscher Abstammung ihr Dorf verlassen. Die 19-Jährige durfte nur das Nötigste mitnehmen. Im Viehwaggon reiste sie nach Kasachstan. Stalin hatte gerade die Deutsche Autonome Republik geschlossen. Wenige Wochen zuvor hatte Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. Heute lebt Maria K. in Oranienburg. Dort besucht ihre Enkelin Elisabeth Begschanow die elfte Klasse der Torhorstschule, wo sie im Rahmen des Projekts „Was geht mich das an“ das Schicksal ihrer Oma geschildert hatte. Zehn Schüler unternahmen eine Reise in die deutsche und sowjetische Vergangenheit. Sie wurden mit Willkür, Demütigungen und Terror konfrontiert. „Vor allem aber lernen sie als Aussiedler und Einheimische die eigene Familiengeschichte kennen“, sagt Projektleiterin Dagmar Jurat. Sie hofft, dass die oft schrecklichen Erlebnisse der Vorfahren bei den Schülern für mehr Toleranz sorgen. Immer wieder nimmt die rührige Geschichtslehrerin die jüngere Vergangenheit zum Anlass, um durch Aufklärung gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus vorzugehen. Im Unterricht, in Workshops, durch Vorträge, durch Zeitzeugengespräche, durch Filme, durch thematische Wandertage. Nun bewirbt sich die Lehranstalt für den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Die regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schulen, Brandenburg, koordinieren das Projekt. Die Mitglieder des Schülerrats hatten die Idee im vergangenen Schuljahr an Dagmar Jurat herangetragen. Der Presse hatten sie entnommen, dass sechs Schulen in Oranienburg und im Kreis diesen Titel bereits führen. Voraussetzung dafür ist eine Liste mit den Unterschriften von mindestens 70 Prozent der Schulangehörigen, ob Schüler, Lehrer oder Mitarbeiter. Zudem übernimmt eine Person des öffentlichen Lebens eine Patenschaft. „Wir suchen noch“, sagt Dagmar Jurat. An ihrer Schule bereitet man sich besonders intensiv vor. Die Klassensprecher dienen dabei als Multiplikatoren. Derzeit erörtern sie in Workshops, was Rassismus überhaupt bedeutet und wo er vorkommt. Zu Beginn des nächsten Schuljahres, ab September 2008, wollen sie für die Unterschriftenaktion werben. Dabei stellen sie in den einzelnen Klassen die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. „Die Schüler sollen wissen, was sie unterschreiben“, sagt Klassen- und Schülersprecherin Claudia Behrends, die die zwölfte Klasse besucht. Sie hofft, dass die Schule spätestens im Herbst oder Winter dieses Jahres den Titel in ihrem Logo oder in ihrem Briefkopf führen darf. Dies ist kein Preis, sondern eine Selbstverpflichtung für die Zukunft. Die Schule, die den Titel trägt, ist Teil eines Netzwerks, das sich gegen jede Form von Diskriminierung wendet, bei Konflikten eingreift und regelmäßig Projekttage zu diesen Themen durchführt. An der Torhorstschule sind Toleranz und Zivilcourage seit Jahren ein Thema. 1992 habe es in Oranienburg Probleme mit rechtsradikalen Übergriffen und Ausschreitungen gegeben, erinnert sich Dagmar Jurat. Die Stadt sei damals eine Hochburg für Neonazis gewesen. „Wir mussten etwas tun“, sagt sie. Das Problem: Die Lehrpläne sehen die NS-Zeit erst ab der neunten Klasse vor. Doch an ihrer Schule lernen bereits die Siebtklässler, was es bedeutete, Mitglied in der Hitlerjugend zu sein. Ältere Schüler hatten kürzlich über die vielen kleinen Zwangsarbeitslager, die es während der NS-Zeit in Oranienburg gab, recherchiert. Völlig selbstständig und in Gruppenarbeit. Dagmar Jurat freut sich über das große Interesse und das Engagement der Schüler. Das Klima untereinander sei hervorragend. Gewalt gebe es an dieser Schule mit einem Aussiedleranteil von acht Prozent und einigen Asiaten nicht. Alle seien integriert. Schule ohne Rassismus? „Wir leben das täglich“, sagt die Lehrerin. (Von Fritz Hermann Köser)
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